Marktanalyse · Deutschland und die Schweiz
Deutschland zieht bei den E-Autos davon — und ist trotzdem gleichauf mit der Schweiz
Zwei Aussagen über denselben Datensatz, beide richtig: Deutschland hängt die Schweiz beim Anteil reiner Elektroautos ab. Und: Beide Länder elektrifizieren ihre Neuwagenflotte praktisch gleich schnell. Wie das zusammenpasst, sagt mehr über den Schweizer Markt aus als jede einzelne Prozentzahl.
Die Zahlen
Grundlage sind das Kraftfahrt-Bundesamt für Deutschland und auto-schweiz für die Schweiz, beides Personenwagen, beides dieselben Zeiträume.
| BEV-Anteil an den Neuzulassungen | Deutschland | Schweiz |
|---|---|---|
| Erstes Halbjahr 2026 | 24,8 % | 23,7 % |
| Januar bis August 2026 | 25,5 % | 23,9 % |
| Juli 2026 | 29,3 % | 25,4 % |
Der Abstand ist da, und er wächst: 1,1 Prozentpunkte im Halbjahr, 1,6 über sieben Monate, 3,9 im Juli allein. Das Kraftfahrt-Bundesamt weist für den Juli 78’609 neu zugelassene Elektroautos aus, ein Plus von 61,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Warum der Abstand mit Vorsicht zu lesen ist
Als Treiber des deutschen Schubs gelten das breitere Modellangebot, die Kraftstoffpreise und vor allem die staatliche Kaufförderung. Die Schweiz hat keine solche Förderung. Damit misst der wachsende Abstand in erster Linie einen politischen Unterschied — und politische Instrumente laufen aus, werden gekürzt oder umgebaut. Ein Vorsprung, der an einer Subvention hängt, ist kein struktureller Vorsprung.
Ein einzelner Monat ist ein Signal, kein Trend. Drei Zeitschnitte in dieselbe Richtung sind ein Hinweis, keine Prognose.
Der zweite Blick: praktisch gleichauf
Rechnet man von Januar bis Juli alle Fahrzeuge mit Stecker zusammen — reine Elektroautos, Plug-in-Hybride, dazu die verschwindend kleine Zahl an Brennstoffzellen- und Range-Extender-Fahrzeugen —, sieht das Bild anders aus: Deutschland kommt auf 36,6 Prozent, die Schweiz auf 36,4 Prozent. Zwei Zehntel Unterschied.
Der Anteil an Fahrzeugen, die zumindest teilweise elektrisch fahren können, ist also in beiden Ländern nahezu identisch. Verschieden ist nur die Mischung: In Deutschland entfallen 11,1 Prozentpunkte auf Plug-in-Hybride, in der Schweiz 12,4. Wer allein den BEV-Anteil vergleicht, misst eine Zusammensetzung und nennt sie einen Rückstand.
Warum die Mischung für die Schweiz mehr zählt als der Rang
Ein Plug-in-Hybrid tankt weiter. Für die Mineralölsteuer, die in der Schweiz als fester Betrag pro Liter erhoben wird, ist das der entscheidende Unterschied: Ein Steckeranteil von 36 Prozent lässt die Steuerbasis nicht um 36 Prozent schrumpfen, wenn ein Drittel dieser Fahrzeuge weiterhin an die Zapfsäule fährt. Wie viel langsamer die Erosion tatsächlich verläuft, sagen Zulassungsdaten nicht — dafür bräuchte es belastbare Angaben zum realen Elektroanteil im Betrieb von Plug-in-Hybriden, und die sind fachlich umstritten.
Festhalten lässt sich nur die Richtung: Die Schweizer Neuwagenflotte ist bei gleichem Elektrifizierungsgrad stärker auf Fahrzeuge ausgerichtet, die weiterhin Treibstoff verbrauchen. Für die Frage, wie schnell die Mineralölsteuer erodiert, ist das relevanter als die Rangfolge beim BEV-Anteil.
Was Schweizer Käufer davon haben
Der grösste praktische Effekt liegt nicht bei den Prozenten, sondern bei den absoluten Stückzahlen. Deutschland hat von Januar bis August 2026 rund 446’615 reine Elektroautos neu zugelassen, die Schweiz 32’426 — Faktor 13,8 zwischen den beiden Märkten.
Ein Teil dieser Fahrzeuge kommt in die Schweiz, und wie viel, steht im Fahrzeugregister. Von Januar bis September 2026 wurden 41’529 Personenwagen eingeführt, die zuvor im Ausland zugelassen waren — knapp ein Viertel zusätzlich zu den Neuzulassungen desselben Zeitraums. 21’425 davon kamen aus Deutschland, gut die Hälfte. Rein elektrisch waren 4’011 Fahrzeuge, davon 1’768 aus Deutschland. Nicht alles davon ist eine Occasion: 875 der deutschen Elektro-Importe wurden binnen sechs Monaten nach ihrer Erstzulassung eingeführt und sind damit faktisch Direktimporte fabrikneuer Wagen.
Der Zeitversatz ist der eigentliche Befund. Zwischen der Erstzulassung in Deutschland und der Erfassung in der Schweiz liegen über alle Antriebe im Median 18 Monate, bei den reinen Elektroautos sind es 6 Monate. Wer darauf wartet, dass die deutschen Leasingrückläufer in drei Jahren den Schweizer Occasionsmarkt füllen, wartet auf etwas, das bei Elektroautos längst läuft. Für den Kauf heisst das: Das Angebot ist enger, als die deutschen Stückzahlen vermuten lassen, aber es entsteht früher als gedacht. Ob sich Warten lohnt, hängt an Preis, Batteriezustand und dem eigenen Fahrbedarf — nicht am Angebotsvolumen allein. Was für Fahrzeuge über die Grenze kommen — Herkunft, Leistung, Antrieb — steht in einem eigenen Beitrag über die Gebrauchtimporte.
Ein Nebenbefund, der Beachtung verdient
In Deutschland kamen Benziner im Juli 2026 auf 18,9 Prozent der Neuzulassungen, Diesel auf 11,8 Prozent. Reine Verbrenner zusammen also 30,7 Prozent — weniger als ein Drittel. Der durchschnittliche CO2-Ausstoss der Neuwagen lag bei 91,2 Gramm pro Kilometer, 15,1 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Wer wissen will, wie schnell sich eine Neuwagenflotte umbaut, findet hier den härteren Massstab als im BEV-Anteil.
Was wir nicht wissen
- Ob sich der Abstand weiter öffnet. Er hängt an einem Förderinstrument, dessen Fortbestand offen ist.
- Ob der kurze Zeitversatz bei den Elektroautos Bestand hat. Er kann auch heissen, dass gerade jetzt viele fast neue Fahrzeuge den deutschen Markt verlassen — ein Vorgang, der sich erschöpfen kann.
- Wie hoch der reale Elektroanteil im Betrieb von Plug-in-Hybriden ist — und damit, wie stark der Schweizer Mischungsunterschied die Mineralölsteuerbasis tatsächlich schont.
Wir tragen diese Lücken nicht nach, um vorsichtig zu wirken, sondern weil eine Zahl, die wir nicht haben, auch nicht durch eine Schätzung ersetzt wird.
Quellen: Kraftfahrt-Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 29/2026 vom 15. Juli 2026 und Nr. 32/2026 vom 6. August 2026. auto-schweiz, Neuzulassungsstatistik MOFIS, Stichtag 31. Juli 2026. Occasionsimporte: ASTRA, Informationssystem Verkehrszulassung (IVZ), Datensatz Gebrauchtimporte (GEBR.txt), Datenstand 1. August 2026. Antriebsanteile der Schweizer Neuzulassungen: ASTRA, IVZ, Datensatz Neuzulassungen monatlich.
Zur Transparenz: Mehrere Werte in diesem Beitrag stehen so in keiner Veröffentlichung, sondern sind von uns aus den amtlichen Angaben berechnet. Der deutsche Wert für Januar bis Juli (446’615 Elektroautos, 25,5 Prozent) ist die Summe aus der Halbjahres- und der Juli-Mitteilung des Kraftfahrt-Bundesamts; dasselbe gilt für den kumulierten Steckeranteil von 36,6 Prozent. Die Schweizer Werte für das Halbjahr und für den Juli allein sind aus unserer eigenen Monatsauswertung der auto-schweiz-Zahlen errechnet — auto-schweiz weist sie nicht gesondert aus; die Jahressumme von 32’426 Fahrzeugen ist die amtliche. Die Zahlen zu den Occasionsimporten sind unsere Auswertung des IVZ-Rohauszugs: gezählt werden Personenwagen, deren Erstzulassung im Ausland liegt, und der Zeitversatz ist die Differenz zwischen dieser Erstzulassung und der Erfassung in der Schweiz. Alle diese Werte sind einfache Additionen, Subtraktionen oder Auszählungen amtlicher Zahlen, enthalten also keine Schätzung — aber sie sind Berechnungen von wattradar und nicht Angaben der Ämter.